„Google hängt OpenAI ab“ – diese Aussage aus einem Handelsblatt-Artikel vom November 2025 klingt zugespitzt, fast schon final. Genau deshalb lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und genauer hinzuschauen. Denn wie so oft bei technologischen Umbrüchen ist die Realität deutlich komplexer als eine Schlagzeile.
Ich habe den Artikel erst vor einigen Tagen entdeckt und war ein wenig irritiert. Warum? Was meine Erfahrungen mit KI-Chatbots betrifft, so sehe ich Open.ai eindeutig an der Spitze. Das gilt insbesondere für Tiefenrecherchen mit zielführenden Dialoge zu unterschiedlichsten Themen sowie für die Bildgenerierung, die ich sowohl für meine Website als auch für einige private Projekte einsetze. Aus dem Grund habe ich bei ChatGPT ein Plus-Abo, mit dem ich absolut glücklich bin.
Dennoch möchte hier nicht bewerten, wer „gewinnt“, sondern einordnen, was tatsächlich passiert, wo Google aktuell aufholt, wo OpenAI weiterhin stark ist – und warum die Frage nach dem „Abhängen“ am Kern der Entwicklung vorbeigeht.
Was der Artikel richtig beschreibt
Zunächst: Der Artikel liegt nicht falsch. Google hat in den letzten Monaten sichtbar Tempo aufgenommen. Mit Gemini und der tiefen Integration von KI in bestehende Produkte wie die Google Suche, Android oder Workspace hat Alphabet eine strategische Stärke ausgespielt, die OpenAI in dieser Form nicht besitzt: Reichweite.
Richtig ist: Google kann neue KI-Funktionen unmittelbar Milliarden Nutzern ausrollen. Das ist ein echter Vorteil – technisch wie wirtschaftlich. Dass diese Entwicklung intern bei OpenAI aufmerksam beobachtet wird, überrascht nicht.
Die eigentliche Frage: Was heißt hier „führen“?
Bevor man fragt, ob Google OpenAI abhängt, sollte man klären, woran man Führung überhaupt misst. Im KI-Kontext gibt es keine einzelne Kennzahl. Stattdessen bewegen wir uns auf mehreren Ebenen gleichzeitig:
- Qualität und Reife der Modelle
- Geschwindigkeit der Produktintegration
- Infrastruktur und Skalierung
- Entwickler-Ökosysteme
- Monetarisierung und Geschäftsmodelle
Und genau spielen Google und OpenAI unterschiedliche Stärken aus.
OpenAI: Weiterhin überzeugt durch hochwertige Ergebnisse
OpenAI war nicht zufällig der Auslöser des aktuellen KI-Booms. Die GPT-Modelle haben Maßstäbe gesetzt – nicht nur technisch, sondern auch in der Art, wie Menschen mit KI interagieren. Vor allem im Bereich:
- generative Textqualität
- dialogbasierte Nutzung
- API-basierte Integration in bestehende Systeme
ist OpenAI weiterhin extrem stark. Für Entwickler, Agenturen, Content-Teams und Produktteams ist OpenAI nach wie vor ein Standardwerkzeug. Von „abgehängt“ kann hier keine Rede sein.
Google: Strategisch stark durch Integration
Gleichzeitig sehe ich: Google spielt seine Karten aktuell sehr geschickt. KI wird nicht als isoliertes Produkt gedacht, sondern als Bestandteil eines bestehenden Ökosystems:
- KI-Antworten direkt in der Suche
- KI-Unterstützung in alltäglichen Tools
- massive Infrastruktur und eigene Hardware
Das ist keine Revolution über Nacht, sondern eine strategische Verschiebung. Google holt nicht auf, indem es OpenAI kopiert – sondern indem es KI dorthin bringt, wo Nutzer ohnehin schon sind.
Warum wir KI heute anders bewerten sollte als noch vor drei Jahren
Was mir an vielen Debatten fehlt, ist die Erkenntnis, dass wir es nicht mit einem klassischen Zweikampf zu tun haben. Die KI-Landschaft ist längst multipolar:
- OpenAI
- Anthropic
- Meta
- spezialisierte Open-Source-Modelle
Jeder dieser Player bedient andere Anforderungen. Die Frage ist daher nicht: Wer gewinnt? Sondern: Für welchen Zweck ist welches System geeignet?
Meine persönliche Einschätzung
Der Handelsblatt-Artikel beschreibt eine reale Entwicklung, aber die Schlussfolgerung „Google hängt OpenAI ab“ greift zu kurz. Ja, Google ist aktuell sehr stark unterwegs und OpenAI spürbar auf den Fersen – doch das bedeutet noch lange nicht, dass OpenAI technologisch oder strategisch abgehängt ist. Was wir derzeit beobachten, ist kein Überholen, sondern ein Angleichen auf unterschiedlichen Ebenen.
Google wird besser in generativer KI. Aber: OpenAI bleibt stark in Modellqualität, Geschwindigkeit und Entwicklernähe. Und genau diese Dynamik treibt die Entwicklung insgesamt voran – im KI-Wettbewerb ebenso wie für uns Nutzer, die von diesen Fortschritten erheblich profitieren können.
Wir erleben einen strukturellen Wandel, bei dem unterschiedliche Systeme unterschiedliche Rollen übernehmen. Heute müssen wir nicht mehr auf „die eine KI“ setzen wie noch im November 2022, als OpenAI die erste Version von ChatGPT veröffentlicht hat. Stattdessen sollten wir beginnen, Use Cases sauber zu trennen und bewusst einzuschätzen, welcher Assistent bei welchen Aufgaben die besten Ergebnisse liefert.
Und genau darin liegt die eigentliche Chance – für alle Beteiligten.